Die Kochbücher standen seit Jahren im gleichen Regal. Einige waren benutzt, andere nur aus Gewohnheit mit umgezogen. Als Lea eines Tages Platz schaffen wollte, fiel ein dünner Umschlag zwischen zwei Bücher.
Der Brief war nie verschlossen worden. Er begann mit einer einfachen Anrede und erzählte von einem Besuch, der verschoben werden musste. Die Handschrift gehörte ihrer Großmutter.
Lea las langsam. Es standen keine großen Enthüllungen darin, keine dramatischen Sätze. Nur Alltag: Regen, ein Kuchenrezept, ein paar Zeilen über Nachbarn und der Wunsch, bald wieder zusammen am Tisch zu sitzen.
Gerade diese Alltäglichkeit machte den Brief besonders. Er zeigte eine Seite der Großmutter, die in den Familienerzählungen selten vorkam: warm, vorsichtig und ein wenig unsicher.
Am Abend fotografierte Lea den Brief und schickte ihn ihrer Schwester. Daraus wurde ein langes Gespräch über Rezepte, Sonntage und die Frage, welche Erinnerungen man eigentlich aufbewahrt.
Der Umschlag blieb anschließend im Kochbuch. Nicht versteckt, sondern bewusst. Manchmal gehören solche kleinen Fundstücke genau dorthin, wo das Leben ohnehin stattfindet.



