Der Stuhl stand immer am gleichen Platz, nahe am Fenster. Früher saß dort der Großvater, später niemand Bestimmtes. Bei Familienessen blieb er oft frei.
Als die Familie an einem Sonntag zusammenkam, stellte jemand versehentlich eine Tasse vor den freien Platz. Niemand bemerkte es sofort.
Erst während des Essens fiel es auf. Für einen Moment wurde es still, dann erzählte die Großmutter eine kleine Geschichte darüber, wie er seinen Kaffee immer zu spät trank, weil er zuerst allen anderen nachschenkte.
Aus dieser Erinnerung wurden weitere. Keine schweren Gespräche, eher kleine Szenen: ein Satz, eine Geste, ein Lachen, das jemand nachahmte.
Der Stuhl blieb danach nicht mehr einfach frei. Er wurde zu einem stillen Platz für Erinnerungen, ohne dass jemand das ausdrücklich beschließen musste.
Manchmal verändern sich Dinge im Haus nicht, weil man sie umstellt, sondern weil man ihnen wieder eine Geschichte gibt.



